• Vertreibung nach Mähren
  • Vertreibung nach Osteuropa
  • Vertreibung nach Amerika
  • Hutterer heute
  • Die Mennoniten
  • Die Amischen

 

Wir haben von der gnadenlosen Verfolgung der Menschen gehört, die eigentlich keine „Reformation“, keine Erneuerung, wollten, sondern einfach eine „Restitution“, eine Wiederherstellung der Gemeindeform, wie man sie im Neuen Testament findet.

 

Vertreibung nach Mähren

Die Mandate und Verbote zwangen zur Flucht in Gebiete, wo keine Verfolgung herrschte. Das war zunächst Mähren, wie wir bereits gesehen haben:

Nikolsburg. Dort hat sich die Theologie und die Praxis der freikirchlichen Gemeinden gefestigt. Und dort kam es auch zu der schon geschilderten Diskussion um den Wehrdienst zwischen Stäblern und Schwertlern. 1528 kam es zur Trennung: 

200 Stäbler (ohne Kinder) verließen Nikolsburg und wendeten sich nach Austerlitz.

Austerlitzin Böhmen: Die Austerlitzer Gemeinde ab 1528 war bald ein Anziehungspunkt für andere Gemeinden aus Böhmen, aus Kossitz, und nicht zuletzt aus Tirol, angeführt von Jakob Hutter, geb. 1500 im Pustertal in Südtirol.Sie erwarben umfangreiche Grundbesitzungen und betätigten sich hauptsächlich im Töpferhandwerk und der Weberei. Die Täufergemeinschaft war, bis zu ihrer Ausweisung 1622, eine der größten in Böhmen.

Auspitzin Südmähren: Bald kam es zu einer weiteren Trennung: die Tiroler Gemeinden verließen Austerlitz und zogen nach Auspitz, wo sie sich 1531 mit zwei anderen Gemeinden zu einer zusammenschlossen. Größe dieser neuen Gemeinde: 3.200 Erwachsene. Und sie wuchs ständig weiter durch Zuzug aus Tirol, Schlesien, Schwaben und der Pfalz.

Hutterische: 1533 kam es zu einer inneren Spaltung, obwohl sie räumlich zusammenblieben: Jakob Hutter und die Tiroler trennten sich ab. Die Tiroler bekamen den Namen „Hutterische“.

In den Jahren 1535/36 kam es auch zur Verfolgung in Mähren. Was dazu führte, dass die Gläubigen entweder in die alte Heimat zurückkehrten, oder nach Polen und Preußen zogen.

Für Österreich bedeutete es jedenfalls, Zitat: „dass es in Oesterreich bald keine anderen Taufgesinnten mehr gab als Huterische und einige unbedeutende Reste von Schweizer Brüdern.“

Jakob Hutter wurde übrigens am 25.2.1536 vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck öffentlich verbrannt.

Gedenktafel für Jakob Hutter am Goldenen Dachl in Innsbruck

Link: http://commons.wikimedia.org

Besonders die Jahre zwischen 1563 bis 1592 bildeten den Höhepunkt der hutterischen Aktivitäten in Mähren. Die Chroniken sprechen von den „guten Jahren“, manchmal auch von der „goldenen Zeit der Hutterer“. Aufgrund aktiver Missionstätigkeit lag die Zahl der Konvertiten auch noch über der in der Gemeinschaft Geborener. An die 80 Bruderhöfe bestanden damals, mit mindestens 20.000 Bewohnern. Die Höfe bildeten noch keine selbstständigen Siedlungen, sondern befanden sich innerhalb der bestehenden Ortschaften. Die Zugezogenen übten ihre erlernten handwerklichen Tätigkeiten auch in den Gemeinden aus. Unter anderem gab es Uhrmacher, Brauer, Schmiede, Glaser, Töpfer, Seil- und Siebmacher, Bergarbeiter, aber auch Chirurgen und Ärzte, alles Berufe, die heute von den Hutterern nicht mehr ausgeübt werden. Hutterische Ärzte besaßen ein hohes Ansehen. So ist überliefert, dass sich der kranke Sohn eines Franz von Taxis im Jahre 1581 bei den Hutterern gesundpflegen ließ. Auch die hutterischen Schulen waren ihrer Zeit weit voraus und auch Nichthutterer schickten ihre Kinder dorthin.

Das hutterische Geschichtbuch berichtet, dass 1619 allein zwischen Juli und Oktober  neunundzwanzig hutterische Bruderhöfe von kaiserlichen Truppen zerstört wurden. 1622 befahl Kaiser Ferdinand II. den Hutterern im Rahmen der Gegenreformation, entweder zum katholischen Glauben überzutreten oder sein Land binnen vier Wochen zu verlassen.

Die Hutterer wurden bisher auch Habaner genannt. Ab dem 18. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung dieses Begriffes: es wurde die Bezeichnung für Hutterer, die katholisch geworden waren und dennoch weiterhin auf den ehemaligen „Bruderhöfen“ lebten.

 

Vertreibung nach Osteuropa

Für die anderen begann die lange Wanderschaft der hutterischen Gemeinden.

Ungarn/Slowakei: Nach Beginn der Verfolgungen im benachbarten Mähren im Jahr 1622 fanden schließlich über 12.000 vertriebene Hutterer für 150 Jahre Zuflucht auf den oberungarischen/slowakischen Bruderhöfen.

Siebenbürgen: Etwa 2000 Hutterer zogen jedoch weiter in das damals ebenfalls zu Ungarn gehörende Siebenbürgen. Hier konnte auch Tonerde für die von den Hutterern betriebene Keramikproduktion abgebaut werden.

Die nach dem Krieg von österreich-ungarischer Seite intensivierten Rekatholisierungsmaßnahmen setzten den einzelnen Gemeinden immer stärker zu. Es kam zu zahlreichen Festnahmen und Konfiskationen auf den kommunal geführten Höfen. Ebenso drohten Zwangsadoptionen hutterischer Kinder. Die frühere Intensität der hutterischen Mission nahm ebenfalls stark ab. Die hutterischen Chronisten beschrieben diese Zeit schließlich als eine Zeit des Verfalls der Tradition und einer Abkehr vom Glauben. Durch die anhaltenden Kriege und Plünderungen sahen sich die Hutterer schließlich im Jahre 1685 dazu veranlasst, ihre Gütergemeinschaft gänzlich aufzugeben.

Die Gemeinschaft stand kurz vor ihrer Auflösung; zahlreiche Anhänger konvertierten nach Androhung von Zwang zum katholischen Glauben.

Im Jahr 1755 traf eine Gruppe von österreichischen Transmigranten aus Kärnten in Siebenbürgen ein, die von Kaiserin Maria Theresia wegen ihres protestantischen Glaubens zwangsumgesiedelt wurden. Sie hatten davor nichts von der Existenz der Täufer gewusst, waren von deren Prinzipien und Standhaftigkeit beeindruckt und schlossen sich diesen Hutterern an. Dadurch gaben sie der kleinen Gemeinschaft neue Impulse und auch die Gütergemeinschaft wurde 1762 neu eingeführt.

Walachei: ab 1767: Unter dem Druck der Rekatholizierung entschlossen sich 67 Anhänger, der noch in Freiheit lebenden siebenbürgischen Hutterer schließlich zur Flucht in die Walachei, einige zurückgebliebene zogen später nach. Aber durch das Kriegsgeschehen zwischen Türken und Russen verloren sie nahezu ihren gesamten Besitz.

Russland1770: Schließlich nahmen die Hutterer das Angebot eines russischen Adligen an, sich auf seinem Land in der Ukraine anzusiedeln. Dorthin zogen nach und nach z. B. aus der Gefangenschaft entlassene Hutterer nach. Es kam zu internen Streitigkeiten. Die Gemeinde verarmte zudem mit der Zeit und hatte auch mit dem Problem der Überbevölkerung zu kämpfen. Zeitweilig lebten fast 400 Siedler in der Gemeinde. Im Jahre 1818 kam es zu einem Bruch, der zur erneuten Aufgabe der Gütergemeinschaft führte. Zur Lösung ihrer Probleme nahmen sie die Hilfe der Mennoniten in Anspruch, welche in dieser Zeit Einfluss auf die Gestaltung der hutterischen Gemeinschaft nahmen. Es kam zur Spaltung in Eigentümler und Gemeinschaftler.

 

Vertreibung nach Amerika

Nordamerika: ab 1874. Die Ablehnung der allgemeinen Wehrpflicht, die ca. 1874 eingeführt wurde, schweißte die Gemeinde wieder zusammen. Sie entschloss sich, nach Nordamerika auszuwandern, da sich dort bereits Mennoniten angesiedelt hatten. Die Auswanderung erfolgte in drei Wellen zwischen 1874 und 1879. Aus der ersten gingen die Schmiede-, aus der zweiten die Darius- und aus der dritten Welle die Lehrerleut hervor.

Von den 1265 Übersiedlern gehörten nur rund 400 den „Gemeinschaftlern“ an. Diese bildeten eigene Gemeinden, aus denen sich alle heutigen Gemeinden entwickelten. Die übrigen Übersiedler konnten keine gemeinsame Kultur bewahren; viele von ihnen schlossen sich im Laufe der Zeit den Mennoniten an.

Trotz der Wirtschaftskrise in Kanada in den 1930er-Jahren ging es den Hutterern wieder recht gut. In der Folge hatten sie ein starkes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen, das bis heute anhält. Aus der Krise in Russland hatten die Hutterer gelernt, dass zu große Gemeinden sich destruktiv auf den Zusammenhalt auswirkten. Eine Kolonie mit etwa 120 Bewohnern gründet deshalb eine Tochtergemeinde, in die die Hälfte der Bewohner umsiedelt.

USAab ca. 1940. Jedoch sahen sich die Hutterer während des Zweiten Weltkrieges einer zunehmenden Feindseligkeit in der Bevölkerung, sowie einer diskriminierenden Gesetzgebung ausgesetzt. Deswegen wurden auch wieder neue Kolonien in den USA gegründet. Die drei Gruppen der Hutterer zeichnen sich durch einen unterschiedlichen Grad der Offenheit gegenüber ihrer Umwelt aus. Jedoch leben alle Hutterer bis heute relativ abgeschottet von der Außenwelt.

 

Hutterer heute

Mit Stand 2013 leben in Kanada und den USA auf 265 Bruderhöfen etwa 45.000 Hutterer, die „nach der Lehr ihrer Vorväter“ in Gütergemeinschaft leben, Erwachsenentaufe praktizieren und Kriegsdienst ablehnen. Sie sprechen als „Kirchensprache“ einen alten tiroler-kärtnerischen Dialekt.

 

Die Mennoniten

Neben den Hutterern gibt es heute noch eine zweite Gruppe, die wie sie auf die Anfänge der Täuferbewegung als dritten Flügel der Reformation zurückgeht: die Mennoniten. Sie haben dadurch einen Bezug zu Österreich, dass viele ursprünglichen Hutterer im Laufe der Geschichte zu den Mennoniten überwechselten (siehe auch die Zeit in Russland).  Deshalb seien sie auch hier erwähnt:

Mennoniten gehen auf den Niederländer Menno Simons (die Person als Namensgeber der Bewegung hatte u.a. den Zweck, sie nicht von vornherein der Verfolgung als Freikirche auszusetzen…), der 1536 als katholischer Theologe die Überzeugungen der Täufer annahm. Im Unterschied zu manchen Strömungen in der Bewegung hat er sich von Anfang an für Gewaltfreiheit eingesetzt und damit in den Niederlanden und Norddeutschland viele Anhänger um sich gesammelt. U.a. durch Vertreibungen haben sie sich in der ganzen Welt ausgebreitet. Nach Angaben der Mennonitischen Weltkonferenz gab es im Jahr 2009 weltweit etwa 1,6 Mio. Gemeindeglieder. Regionale Schwerpunkte bilden unter anderem der mittlere Norden der Vereinigten Staaten und das Zentrum Kanadas (Manitoba), Paraguay, der Kongo und Äthiopien.

 

Die Amischen

Als Abspaltung der Mennoniten gibt es seit 1693 eine weitere Gruppierung, die im 18. Jahrhundert nach Übersee geflohen ist: Amische. Sie gehen zurück auf den Schweizer Jakob Ammann (Amisch davon abgeleitet). Grund: er war für strengere Bannverordnungen, Kleider- und Bartregeln usw. Wie andere täuferische Kirchen praktizieren die Amischen ausschließlich die Bekenntnistaufe und lehnen entsprechend der Bergpredigt Gewalt und das Schwören von Eiden ab. Sie stammen überwiegend von Südwestdeutschen oder Deutschschweizern ab und sprechen untereinander meist Pennsylvaniadeutsch. Amische führen ein stark in der Landwirtschaft verwurzeltes Leben und sind bekannt dafür, dass sie viele Seiten des technischen Fortschritts ablehnen und Neuerungen nur nach sorgfältiger Überlegung akzeptieren. Die Amischen legen großen Wert auf Gemeinschaft untereinander und Abgeschiedenheit von der Außenwelt. Zurzeit gibt es etwa 249.500 Amische (Stand 2010), die größtenteils in 427 Siedlungen in 28 Bundesstaaten der USA und in Ontario, Kanada leben.

 

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