• Die drei Ausprägungen der Reformation
  • Wer gehört zur Kirche dazu? Alle? Oder nur, wer glaubt?
  • Nach 1000 Jahren Unterbrechung die ersten „Bekenntnistaufen“
  • Übereinstimmungen und Unterschiede der drei Ausprägungen
  • Persönliches Empfinden bei Kindertaufen

 

Die Lehren Luthers waren die entscheidende Inspiration auch für andere, über diese Themen nachzudenken. Es gab damals eine Unmenge mehr oder weniger ernstzunehmender Prediger, die teilweise abstruse Lehren verbreiteten. Manche hatten Prophetien über das „unmittelbar bevorstehende Ende der Welt“. Andere haben die „Freiheit in Christus“ so verstanden, dass die Gutsherren abgesetzt werden sollten (was u.a. ein Grund für die Bauernkriege war). 

 

Die drei Ausprägungen der Reformation

Aber letztlich haben sich drei Ausprägungen der Reformation herauskristallisiert und durchgesetzt:

  • Einmal die nach Dr. Martin Luther benannte „lutherische Kirche“. Zu den wichtigsten Bekenntnisschriften gehört das im Jahr 1530 verfasste „Augsburger Bekenntnis (siehe in Österreich die Bezeichnung „Evangelische Kirche AB“ = Augsburger Bekenntnis).
  • Eine weitere Ausprägung ist die auf Ulrich Zwingli in der Schweiz zurückgehende „reformierte Kirche“ mit dem „Helvetischen Bekenntnis“ von 1536 bzw. 1561 („Evangelische Kirche HB“)
  • Und schließlich das, was man jetzt als Freikirchen bezeichnet. Zuerst wurden diese Leute „Wiedertäufer“ genannt, später hat sich der Name „Täufer“ durchgesetzt.

 

Wer gehört zur Kirche dazu? Alle? Oder nur, wer glaubt?

Weil dieses Thema so grundlegend ist für das Verständnis von Freikirchen, hab ich mir erlaubt, recht ausführlich die Quellen aus jener Zeit zu zitieren. Ich nehme billigend in Kauf, dass die Ausarbeitung dadurch weiter an Länge zunimmt…

Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli hatte einen Bibelkreis, in dem gemäß des Grundsatzes „sola scriptura – allein die Schrift“ eifrig geforscht wurde. Als sie die Bibel zum Thema „Taufe“ studiert haben, sind sie zu folgender Erkenntnis gekommen:

„Es begab sich, dass Ulrich Zwingli, Conrad Grebl, einer vom Adel, und Felix Mantz, alle drei fast erfahrene und gelehrte Männer in teutscher, lateinischer, griechischer und auch hebräischer Sprache, zusammenkamen und sich mit einander besprachen in Glaubenssachen. Und (sie) haben erkannt, dass die Kindertaufe unnötig sei und der Einsetzung Christi ganz zuwider.“

Alle im Kreis, auch Zwingli, waren sich einig, dass die Taufe von Kindern nicht von Christus angeordnet sei. Die Einigkeit endete aber an der Frage, welche Folgen diese Erkenntnis haben sollte:

 „Die zween aber, Konrad und Felix, haben im Herrn erkannt und geglaubt, man müsse nach christlicher Ordnung und Einsetzung recht getauft werden, weil Christus selbst sagt: „Wer glaubt und getauft ist, der wird selig.

Das hat Ulrich Zwingli, welchem vor Christi Kreuz, Schmach und Verfolgung grausete, nit gewollt und fürgegeben, es würde einen Aufruhr abgeben. Die andern zween aber sprachen, man könne um deswillen Gottes lautern Befehl und Angeben nit unterwegen lassen.“

Ich hoffe, auch ohne Übersetzung in heutiges Deutsch ist verständlich, warum Zwingli einen Aufruhr befürchtete, wenn die Kindertaufe nicht mehr vollzogen werden würde:

Er sah richtig voraus, dass das zu einer Spaltung in der Bevölkerung führen würde.

Bis dahin galt: wer in einem „christlichen“ Land geboren wurde, der wurde auch „christlich“ getauft und ab diesem Zeitpunkt als „Christ“ bezeichnet und war Glied derselben Kirche.

Das würde sich dramatisch ändern, wenn nur die getauft würden, die wirklich glauben. Denn das würde bedeuten, dass es zwei Gruppen von Menschen gibt: die „Christen“, die ihr Bekenntnis zu Christus durch die Taufe deutlich gemacht haben, und dann zur Kirche gehören. Und alle anderen, die nicht in die Kirche aufgenommen werden können.

Und genau das war die Angst von Zwingli, später von Luther, später von den Kaisern: Wenn es eine „Sonderkirche“ nur für die Gläubigen gibt, und Nicht-Glaubende nicht dazugehören, dann geht die Einheit verloren!

Es ging also um die Frage:

  • Weiter wie bisher, und alle als Kinder getauften gehören zur Kirche.
  • Oder: Tun, was die Bibel anordnet; nur taufen, wer glaubt, und nur sie bilden die Kirche.

Unabhängig von diesem Bibelkreis in Zürich sind viele andere in Europa zeitgleich zu diesen Ansichten gekommen: zuerst der Glaube. Dann die Taufe. Einer spielte eine wichtige Rolle: Jörg, genannt Blaurock, ein Pfarrer aus dem St.Luciusstift in Chur kam zu Zwingli, um mit ihm genau darüber zu reden. Aber: Zwingli ging nicht darauf ein. Es wird berichtet:

„Da ward ihm gesagt, dass andere Männer da seien, die eifriger seien; und da ist er zu ihnen (nämlich Grebl und Manz) gekommen . . . . hat mit ihnen geredet und sich besprochen. Sind auch der Sachen eins geworden und haben erkennt und befunden, dass man (zuvor) einen rechten, in der Liebe thätigen Glauben müsse erlernen, und (dann erst) auf den erkannten und bekannten Glauben die rechte christliche Taufe . . . . empfangen.“

Die Sache griff um sich: immer mehr junge Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr taufen, sondern wollten warten, bis sie sich selbst für den Glauben entscheiden konnten. Das zwang den Rat der Stadt Zürich zum Handeln: am 21. Januar 1525 gab er einen Erlass heraus: wer seine Kinder nicht innerhalb von 8 Tagen taufen ließe, werde des Landes verwiesen!

 

Nach 1000 Jahren Unterbrechung die ersten „Bekenntnistaufen“

Über den Abend dieses Tages wird folgendes berichtet (all diese Berichte übrigens aus dem „Geschichtsbuch der Hutterischen Brüder“), was ich ungekürzt wiedergebe, weil es so ein historisch wichtiges Ereignis war:

„Und es hat sich begeben, dass sie bei einander gewesen sein, bis sie die Angst angieng. Da haben sie angefangen, ihre Knie zu beugen vor dem höchsten Gotte im Himmel, und ihn anzurufen als einen herzenskundigen, und gebeten, dass er ihnen wolle geben, seinen göttlichen Willen zu thun, und . . . . Barmherzigkeit wolle beweisen. Denn Fleisch und Blut und menschlicher Fürwitz hat sie gar nit getrieben, weil sie wol gewusst, was sie darüber werden dulden und leiden müssen.

Nach dem Gebete ist der Jörg vom Hause Jacob aufgestanden und hat um Gottes willen den Konrad Grebl gebeten, dass er ihn taufen wolle mit der rechten christlichen Taufe auf seinen Glauben und Erkenntnis. Und da er niedergekniet mit solcher Bitt und Begehren, hat der Konrad ihn getauft, weil sonst kein verordneter Diener zu solchem Werk vorhanden war. Wie nun das geschehen ist, haben die andern gleicherweise von dem Jörg begehrt, dass er sie taufen solle, welches er auf ihr Begehrn auch gethan. Und haben sich also . . . . dem Herrn ergeben und angefangen, den Glauben zu lehren und zu halten. Damit ist die Absonderung von der Welt und ihren bösen Werken angebrochen und fortgewachsen."

Wikipedia meint dazu: Nach John A. Moore waren diese Ereignisse „die Geburtsstunde der Täuferbewegung“ und der „ganzen Freikirchenbewegung wie wir sie heute kennen“.

Jetzt ist auch verständlich, wie es zum Namen „Freikirche“ kam:

  • Vorher gab es die „Staats- oder Landeskirchen“, deren Mitglieder deshalb dazu gehörten, weil sie Bewohner dieses Landes waren. Sie waren gleich nach der Geburt durch die Taufe aufgenommen worden.
  • „Freikirchen“ dagegen werden von Personen gebildet, die sich bewusst und „freiwillig“ entschlossen haben, Jesus Christus als Herrn über ihr Leben anzuerkennen. Sie bezeugen ihren Glauben, indem sie sich auf den Namen ihres Herrn Jesus Christus taufen lassen. Und werden danach in die Gemeinde aufgenommen.

Das ist also die dritte Ausprägung der Reformation, der sog. „radikale Flügel“, weil sie konsequent zu den Wurzeln der Heiligen Schrift zurück wollten. Felix Manz und Konrad Grebel werden allgemein als „Gründer“ der Bewegung angesehen, die im Jahr 1525 in Zürich mit der Taufe der ersten Erwachsenen entstand. Aber auch für sie gilt: sie wollten nichts Neues begründen, sondern zu dem zurück, was im Neuen Testament schon lange angeordnet war.

Felix Manz wird 1527 in der Limmat ertränkt. (Darstellung aus dem 17. Jahrhundert)

Link: http://de.wikipedia.org/

Damals wurden diese Leute „Wiedertäufer“ genannt, weil sie nach der Kindertaufe „noch einmal“ taufen würden. Sie selbst sahen es nie als zweite Taufe, weil der „Kindertaufe“ der Glaube fehle und es deshalb gar keine „biblische Taufe“ sei. Das wurde später allgemein akzeptiert, so dass man in der Folge nur von „Täufern“ sprach.

 

Übereinstimmungen und Unterschiede der drei Ausprägungen

Volle Übereinstimmung aller drei Ausprägungen in der Frage der sog. Rechtfertigung: „Wie werde ich Gott recht?“ Antwort der Protestanten:

  • Allein die Schrift ist maßgeblich für alle Fragen des Glaubens und des Lebens.
  • Allein Christus ist der Weg zu Gott.
  • Allein aus Gnade hat Gott seinen Sohn geopfert.
  • Allein durch den Glauben an Christus ist Rettung möglich.

Unterschiede zwischen lutherisch und reformiert:Luther und Zwingli waren sich in allen Lehrfragen einig bis auf eine einzige: wie das Heilige Abendmahl zu verstehen ist. Aber auch da war der Unterschied so gering, dass sich beide Flügel später zur „Evangelischen Kirche“ zusammengeschlossen haben.

Unterschiede zwischen lutherisch, reformiert und den Freikirchen: Luther und Zwingli sind im Verständnis, wer zu einer Gemeinde gehört, katholisch geblieben: jeder Getaufte, egal ob gläubig oder nicht, gehört dazu. Auch egal, ob er nach Gottes Weisung lebt oder nicht.

Während die Freikirchen gemäß ihrem Verständnis von der Schrift sagten:

  • nur wer zu Christus gehört und nach den Anweisungen der Schrift leben will, wird getauft.
  • Nur wer getauft ist, wird in die Gemeinde aufgenommen.
  • Und: die Gemeinde besteht zwar aus Sündern, aber sie müssen ihre Sünde bereuen und lassen. Wer dazu nicht bereit ist, wird ausgeschlossen.

Auch Zwingli und sogar Luther haben zunächst zugestimmt, dass Gemeinde eigentlich nur aus bekennenden Gläubigen bestehen sollte. Aber sie haben die radikalen Veränderungen gescheut, die das haben würde. Luther hat gesagt: „Eine rechte christliche Kirche aufzurichten ist mir nicht möglich, weil mir die Personen mangeln.“

 

Persönliches Empfinden bei Kindertaufen

Hier möchte ich mir erlauben, ein paar persönliche Sätze einfließen zu lassen: als Teenager und Jugendlicher war ich regelmäßiger und überzeugter Kirchgänger. Ohne ernsthaft über Reformation oder Taufe nachgedacht zu haben. Aber was mich jedes Mal unangenehm berührt hat: bei Taufen wurden die Eltern und Verwandten als „Brüder und Schwestern“ angesprochen. Auch wenn sie keine Christen waren. Auch wenn jeder im Dorf gewusst hat: „Sie versprechen zwar, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen, aber sie werden dieses Versprechen nicht einhalten. Sie sind nur wegen der Taufe da, und kommen erst beim nächsten Familienfest wieder.“ Ich empfand das damals als große Heuchelei, als unehrlich. Als ich einige Jahre später zum ersten Mal gehört habe, dass es Freikirchen gibt, zu denen nur die gehören, die sich für Christus entschieden haben, da hab ich sofort das Empfinden gehabt: „Das ist richtig. So soll es nach der Bibel sein.“ Weil ich diesen Eindruck auch bei anderen Themen hatte, bin ich Freikirchler geworden…

Jetzt haben wir gesehen, wo die Wiege der Reformation stand: in Deutschland und der Schweiz.

Für uns wichtig: wie haben die Oberösterreicher, wie die Vöcklabrucker auf diese neuentdeckte alte Lehre der Bibel reagiert?

 

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Und das lesen Sie im nächsten Button:

Die Reformation erreicht Vöcklabruck

  • Die lutherische Lehre: mit offenen Armen aufgenommen
  • Die Lehre der Täufer: noch früher als das Luthertum in der Stadt
  • Mandate gegen die Protestanten
  • Warum es die Evangelischen zunächst leichter hatten

Hier werden Sie unter anderem erfahren…:

  • …welche Frau aus dem Bezirk einen jahrelangen Briefwechsel mit Martin Luther führte
  • …warum der Sohn des Landeshauptmanns sein Gelübde brach, „fest bei dem päpstlichen Glauben zu bleiben“
  • …warum jemand, der am „Abendmahl mit Brot und Wein“ teilnahm, sein Leben riskierte