• Die lutherische Lehre: mit offenen Armen aufgenommen
  • Die Lehre der Täufer: noch früher als das Luthertum in der Stadt
  • Mandate gegen die Protestanten
  • Warum es die Evangelischen zunächst leichter hatten

 

So, nach dem Abstecher in die Schweiz kommen wir jetzt wieder zurück in unsere Heimat.

Erinnern wir uns: die Angst vor dem Tod hatte zu einem ernsthaften Fragen geführt, was nach dem Tod geschieht. Pfarrer Eichmeyer  (S.40):

Die Angst vor dem Fegefeuer lag als schwere Last auf dem Volk und wurde in klingende Münze verwandelt. Als sicherer Schutz wurde das „Große Seelgerät“ empfohlen, ein 30-tätiges System von Gebeten, Messen und Grabumgängen, das ein Vermögen kostete und manchen um Haus und Hof brachte.

Das also war die Situation vor der Reformation:

  • Große Furcht um das Heil der Seele nach dem Tod
  • Große finanzielle Opfer, um sich und die Seinen „freizukaufen“
  • Auch große Unzufriedenheit mit der Kirche, die für Dienstleistungen wie Taufen und Begräbnisse hohe Abgaben forderte

Kein Wunder, dass die Ideen Martin Luthers im Land ob der Enns ungeheuer schnelle Verbreitung fanden. Und das, obwohl er exkommuniziert war und das Lesen seiner Schriften offiziell unter Strafe stand!

Erklärung auf dem Bild: A. Statt Vöklabruck; B. Im Dörffla; C. Vorstatt; D. Pfarrkirch; E. Schloss Wgrein; F. Schloß Wartenberg; G. Dalheim; H. Fökla flus; I. Ager flus; K. Am Ainwalde

Link: http://de.wikipedia.org/

 

Die lutherische Lehre: mit offenen Armen aufgenommen

Bereits 1520, drei Jahre nachdem Luther seine Thesen zum Ablasswesen veröffentlicht hatte, waren sie nicht nur beim Adel und beim Bürgertum, sondern sogar von einem Teil des Klerus sowie von wirtschaftlich und sozial erschütterten Rittern, Handwerkern und Bauern aufgenommen worden.

Bsp. aus Vöcklabruck: Die Prädikanten werden wie Boten des Himmels begrüßt: zum ersten Mal in der Geschichte kommt das Evangelium in reiner biblischer Gestalt ins Land. Zu Tausenden strömt das Volk herbei, um das Evangelium in seiner ursprünglichen Reinheit zu hören.  (Karl Eichmeyer, S.36)

Besonders wichtig war natürlich, dass gerade der Adel die neue Lehre begrüßt hat.

Manche vielleicht nur, weil dadurch die Macht der Kirche eingeschränkt wurde. Andere aber, weil sie wirklich das Evangelium verstanden haben. Zum Beispiel die Jörgers, Herren von Schloß Köppach bei Atzbach.

Bsp. aus Vöcklabruck: Der Landeshauptmann Wolfgang Jörger schickt seinen Sohn Christoph an den Hof des sächsischen Kurfürsten, um sich im Hofdienst zu üben und auch um die neue Glaubensbewegung kennenzulernen. Beim Überschreiten der sächsischen Grenzen legen er und sein Freund Herr von Wolfstein das Gelübde ab, „fest bei dem päpstlichen Glauben zu bleiben und nicht Lutheraner zu werden“. Schon nach kurzer Zeit erkennt Christoph, dass in Wittenberg nicht eine neue, sektiererische Lehre verkündet wird, sondern dass Menschen „aus biblischer Schrift durch Gottes Werkzeug, den gottseligen Martin Luther, erleuchtet und aus menschlichen Satzungen zur rechten Wahrheit geführet werden.“ Die Bekehrung führt zum brennenden Verlangen, auch in der Heimat das Reformationswerk auszubreiten.  (Karl Eichmeyer, S.33)

Übrigens: Die Mutter von Christoph Jörger, Dorothea, stand 20 Jahre lang in engem Briefwechsel mit dem Reformator Luther und wurde von ihm sehr geschätzt.

Und: Christoph holt den ersten lutherischen Prädikanten nach Österreich.

Geographisch noch näher als die Jörgers stand den Vöcklabruckern das Herrengeschlecht der Pohlheimer. Sie  hatten eine ungeheure Machtfülle: sie waren nicht nur über 300 Jahre lang die Herren von Wartenburg und Timelkam, sondern auch der Hofmarken Regau und Puchkirchen, des Landgerichts Schwanenstadt, und sie hatten Güter in Tolzenbach, Eferding, Gunskrichen, Rohr, Kammer, Kogl und Frankenburg, kauften Puchheim, Litzlberg und die Herrschaft Ort. 

Cyriak von Pohlheim (1495-1533, Landeshauptmann von Oberösterreich ab 1521) schloss sich der Reformation an, obwohl seine Familie seit jeher eine enge Verbindung zum Habsburger Herrscherhaus pflegte und auch er selbst mit Ferdinand I. (seit 1531 König der österreichischen Länder, ab 1556 Kaiser des Römischen Reiches) eng befreundet war.

Dass so ein Mann sich zum Evangelium hielt, hat dem Protestantismus weiter den Weg geebnet.

Die Lehre der Täufer: noch früher als das Luthertum in der Stadt

Tatsächlich: vor mehr als 500 Jahren gab es bereits eine Freikirche in Vöcklabruck! Und zwar noch vor der Evangelischen Kirche:

Pfarrer Eichmeyerschreibt (S.30): „Noch bevor es in Vöcklabruck zu einer refor­matorischen Gemeindebildung kommt, begegnen uns die Wiedertäufer. (…] Sie leben in christlicher Gütergemeinschaft, in sogenannten "Haushaben", wo gemeinsam produziert und konsumiert wird. Ihr Fleiß, ihre Tüchtigkeit und vollkommene Redlichkeit erwirbt ihnen hohes Ansehen im Volke.“

Wir kommen später auf diese etwas überraschende Sache mit der Gütergemeinschaft zurück.

Hier geht es um die Tatsache, dass die dritte Ausprägung der Reformation sogar früher als die „evangelischen“ Lehre Vöcklabruck erreicht hat.

 

Wie kam die Lehre der Freikirchen so schnell nach Oberösterreich?

Wie wir gesehen haben, wurde die erste „Taufe auf das Bekenntnis“ nach der Neutestamentlichen Zeit im Januar 1525 in Zürich durchgeführt. Gleich darauf wurden die Anhänger der Bekenntnistaufe aus der Schweiz ausgewiesen. Was sie auch befolgten, da ab März 1526 „wiedergetaufte“ Personen in Zürich mit dem Tod durch Ertränken bestraft wurden.

Natürlich haben diese Männer dort, wo sie hinzogen, über ihre Ansichten geredet. Und weil diese Gedanken eh auch schon vorher in anderen Gebieten angedacht worden waren, kam es fast gleichzeitig in Deutschland und Österreich zur Gründung von diesen neuen Gemeinden von bekennenden Christen, die man zunächst Wiedertäufer, danach Täufergemeinden nannte.

Nach Oberösterreich könnte das Täufertum von Tirol aus gekommen sein. Aber das ist eine Vermutung, weil dort die meisten Täufer zu finden waren:

Zitat Jörg, S.713, (zitiert nach Jäkel): „Man wagt nichts, wenn man behauptet, dass um das Jahr 1527 sämtliche lutherische Fürsten und Herren in Deutschland zusammen kaum so viel Wiedertäufer als Untertanen hatten, wie z.B. die Grafschaft Tirol allein." Zum Beleg eine Zahl:

„In Schwatz waren unter 1200 Einwohnern fast 800 Wiedertäufer." (Jörg, S. 716, zitiert nach Jäkel).

Keine Vermutung, sondern sicher belegt ist der Einfluss von Bayern her: einer der wichtigsten Verbreiter hier war ein Mann mit Namen Johann (Hans) Hut, geboren in der Nähe von Schweinfurt in Franken. Bereits 1521 (!) wurde er inhaftiert, weil er sich weigerte, seine Tochter taufen zu lassen, also lange bevor dieser Gedanke in Zürich aufkam.

Link: http://www.femonite.com/

Ab 1524 reiste er als Buchhändler, vor allem von lutherischer Literatur, im Lande herum, auch in Oberösterreich.

In Steyr gab es schon seit 1525 eine Gemeinde, die entweder vorher von Hut gegründet worden war, oder auf einen Unbekannten zurückgeht und sowohl zeitlich als auch von der Bedeutung her die erste Gemeinde in Oberösterreich gewesen zu sein scheint. Hut hielt sich 1527 in Steyr auf (allerdings nur kurz, weil er schon im August in Augsburg verhaftet wurde, wo er auch am Jahresende bei einem Gefängnisbrand ums Leben kam) und hat von dort vier Missionare ausgesandt. Unter anderen Leonhard Schiemer, geboren in Vöcklabruck:

„Hut bekennt 26. November 1527 in Augsburg, er habe das Los dermaßen gemacht, wie Hieronymus Hermann (ein Mönch aus Mansee) angezeigt, d. h. er habe zu Steyr 4 Personen auslosen lassen, um sie auszusenden zur Verbreitung des Wiedertaufs. Der eine von ihnen sei Hieronymus Hermann selbst gewesen ; der zweite Leonhard von Pruckh (Lienhart Schiemer von Vöcklabruck) ; der dritte, ein deutscher Herr aus Nürnberg, soll ein deutscher Ordenspriester gewesen sein. Das vierte Los fiel auf Jakob Portner, Kaplan und Prediger des Herrn von Rogendorf im Schlosse zu Steyr. (Nach Einer mir (Jäkel) von Herrn Hofrath etc. Dr. v. Beck, Verfasser der Geschichtsbücher der Wiedertäufer, gütigst zur Verfügung gestellten handschriftlichen Abschrift: „Aus den Untersuchungsacten des gefangenen Hans Hut im Augsburger Stadtarchiv. 1527.)"

Ob Leonhard Schiemer auch die Vöcklabrucker Freikirche damals gegründet hat, wissen wir nicht. Zumindest eine Beeinflussung liegt jedenfalls nahe. Aber Freikirchen waren eh nicht selten in Oberösterreich:

Steyr war vermutlich der Ausgangspunkt, doch bildeten sich in den meisten größeren Orten Zellen. Sie waren in Stadt und Land in allen sozialen Schichten beheimatet, die meisten ihrer Anhänger waren aber Bauern und Handwerker.

Ab 1529 wurde Linz zu einem Zentrum der Täufer: „Erst als die Gemeinde zu Steyr unterdrückt war, ward Linz die Hauptgemeinde des Landes (um 1529)“ (Jäkel)

Damals war es zumindest von außen nicht so eindeutig, wer nun lutherisch und wer täuferisch gesinnt war. Zumindest für den Kaiser war das schwer zu erkennen.

Jäkel schreibt:

„Wenn König Ferdinand in einem seiner Erlässe (vom 11. Mai 1530) klagt, dass die Secte der Wiedertäufer im Lande ob der Enns wie in keinem andern seiner Fürstentümer überhand genommen habe, so wird man, falls nicht etwa eine rhetorische Übertreibung darin gefunden werden wollte, dies wohl dahin verstehen müssen, dass dieser Name hier, wie oft, auch in weiterem Sinne gebraucht wurde. Denn die Zahl der zum zweitenmale Getauften ist an einzelnen Orten, wie Steyr, Linz, sehr groß gewesen; doch war sie im ganzen wohl kaum so groß wie in Tirol, wo Jörg (S. 716) an 1000 Blutzeugen (Märtyrer) der neuen Taufe, außer denen, die revocierten (widerriefen), sich verbargen oder flohen, rechnet.“

Was selbst dem Kaiser aufgefallen ist: die protestantische Lehre ist in Oberösterreich weit verbreitet. Und tatsächlich, von Vöcklabruck wird überliefert:

Bsp. aus Vöcklabruck: „… als auch hier die Reformation einen so völligen Sieg errang, dass kein einziges Haus beim römischen Glauben verblieb.“ (Pfarrer Eichmeyer, S.36)

 

Mandate gegen die Protestanten

Das zitierte Mandat von 1530 weist deutlich darauf hin: der Kaiser war nicht glücklich über die Reformation in unserem Land! Der Wiederstand begann schon im Jahr 1523.

Erinnern wir uns: Der Fürst verstand sich als der von Gott eingesetzte Bewahrer der weltlichen Ordnung und Schutzherr der Kirche, und fühlte sich deshalb zuständig für das Seelenheil der Untertanen.

Erzherzog Ferdinand I. (ab 1531 römisch-deutscher König, ab 1558 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) trat 1521 seine Herrschaft in Österreich an, und nahm den Kampf auf: 

1523erließ er ein Verbot der Schriften Luthers und anderer Reformatoren.

1524sollte eine mit den bayerischen Herzögen Wilhelm IV. (1508-1550) und Ludwig sowie den süddeutschen Bischöfen zur Bekämpfung der neuen Lehre erlassenen »Regensburger Ordnung« im Land ob der Enns eine Verfolgungswelle starten. Alles mit sehr mäßigem Erfolg.

Im August 1527 wurde der Ton noch schärfer: er erließ das sog. „Ketzermandat von Ofen“, von dem Lutheraner, die Reformierten und die Täufer gleichermaßen betroffen waren, indem er folgende Vergehen auflistete:

  • „Verächter der Heiligen, Läugner ihrer Fürbitten, Verdienste und Wunder, solle Gefängnißstrafe, oder Landesverweisung treffen.“
  •  „Wer aber das heil. Abendmahl mit Brod und Wein feiere, den solle man an Leib und Leben strafen, die Häuser, in welchen eine solche Feier Statt gefunden habe, confisciren oder auch niederreißen.“

Ausdrücklich werden dann die Freikirchler erwähnt: ein Ziel war, dass

  • »die ergerliche, abscheuliche, und gotteslästerliche sect der widertauffer mit feur und schwerdt verfolgt und nach müglichkeit ausgerottet werden solle«.

Damit es nicht vergessen wird, „solle dieses Mandat zehn Jahre lang zu Ostern und Weihnachten von den Kanzeln herab verkündigt und in Erinnerung gebracht werden.“   (Aus: Geschichte der deutschen Reformation von 1517-1532: ...Christian Gotthold Neudecker – 1843).

Wir sehen:

Der Widerstand des Kaisers richtet sich gegen alle drei Ausprägungen der Reformation.

 

Warum es die Evangelischen zunächst leichter hatten

Was für die weitere Entwicklung der Reformation wichtig ist:

Während fast der gesamte Adel evangelisch wurde, verbreitete sich die Lehre der Freikirchen besonders unter den Handwerkern.

Und das machte den Unterschied aus: aus Rücksicht auf den Adel konnte der Kurfürst seine Mandate gegen die Evangelischen nicht durchsetzen. Denn:

Mit der ungarischen Krone hatte Ferdinand auch den Krieg gegen das Osmanische Reich geerbt (1529 erste Türkenbelagerung Wiens). Die damit verbundene finanzielle Belastung gab den mehrheitlich reformatorisch gesinnten Landständen nun die Möglichkeit, Ferdinand unter Druck zu setzen und eine konsequente Durchführung seiner religionspolitischen Maßnahmen zu verhindern, hatten sie doch schließlich einen Beitrag zu den Kriegskosten zu leisten. Sie beharrten auf dem Recht auf Predigt des „reinen Evangeliums’, und der Landesfürst war machtlos.

So kam damals der Spruch auf: »Der Türk ist der Lutheraner Glück«.

Aber er war nicht „der Täufer Glück“: sie wurden nicht vom Adel geschützt. Sondern die Mandate wurden unerbittlich angewandt.

Aus diesem Grund werden wir jetzt die weitere Entwicklung getrennt ansehen.

 

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Und das lesen Sie im nächsten Button:

Die Evangelische Kirche in Vöcklabruck

  • Leonhard Kaiser, evangelischer Märtyrer
  • Beginn der Re-Katholisierung: der Zwang zum Besuch der Messe
  • Katholische „Missionare“ für Vöcklabruck
  • Siebenbürgen und die Evangelischen aus Oberösterreich
  • Die Rückkehr der Evangelischen

Hier werden Sie unter anderem erfahren…:

  • … was die Gottesdienstbesucher in Vöcklabruck dem Pfarrer androhten, wenn er nicht bereit wäre, auf Deutsch zu         predigen
  • … was mit dem passierte, der unentschuldigt dem Gottesdienst fernblieb
  • … wie viele Vöcklabrucker lieber nach Siebenbürgen auswanderten, als wieder katholisch zu werden