• Leonhard Schiemer: 1) Auf der Suche nach einem authentischen Glauben
  • Christliche Märtyrer in Oberösterreich
  • Leonhard Schiemer: 2) Sein Einfluss auf die Täuferbewegung
  • Leonhard Schiemer: 3) ein Liedtext
  • Alltag der Freikirchler: das Gemeindeleben damals
    • Erkennungszeichen der Freikirchler: der spezielle Gruß
    • Ämter bzw. Dienste in der Gemeinde
    • Kirchenzucht
    • Gütergemeinschaft
    • Gottesdienst und Sakrament
    • Taufe
    • Abendmahl/Mahlfeier
    • Evangelistisches Wirken: Missionare

 

Bereits unter dem Thema Die Reformation erreicht Vöcklabruck haben wir davon gehört, wie schnell die Lehre der Täufer nach Oberösterreich kam und wie schnell viele Gemeinden in der ganzen Gegend entstanden sind.

Und wir haben dort auch von einem Vöcklabrucker gehört, der durch seine Predigten und Schriften Einfluss auf die Täuferbewegung in Österreich, Bayern und Süddeutschland hatte. Pfarrer Eichmayer schrieb über ihn folgendes (S.30):

„Die Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahren mit einem Täufer­apostel befaßt, der aus Vöcklabruck stammt. Der XIII. Band der "Quellen zur Geschichte der Täufer" (1972, Carl Mohn-Verlag) befaßt sich zum großen Teil mit Lienhard Schiemer, dem Täuferapostel aus Vöcklabruck.“

Ich konnte bisher noch keine Quellen finden, die einen direkten Bezug von Leonhard Schiemer (Pfarrer Eichmeyer nennt ihn Lienhard, Dr. Satzinger Leopold…) zu der Gemeinde in Vöcklabruck hergestellt haben. Aber zwei Gründe scheinen dafür zu sprechen: erstens ist es naheliegend, dass ein Prediger, der von Steyr aus das ganze Land bereist, nicht ausgerechnet seine Heimatstadt ausspart. Und zum anderen weist die Beschreibung des Gemeindelebens der damaligen Gemeinde auf etwas hin, was Leonhard Schiemer stark vertreten hat: die Gütergemeinschaft:

 „Noch bevor es in Vöcklabruck zu einer refor­matorischen Gemeindebildung kommt, begegnen uns die Wiedertäufer. (…] Sie leben in christlicher Gütergemeinschaft, in sogenannten "Haushaben", wo gemeinsam produziert und konsumiert wird.“Pfarrer Eichmeyer (S.30)

Aus diesem Grund möchte ich

  • das Leben und den Dienst von Leonhard Schiemer vorstellen,
  • auf den Alltag der damaligen Freikirchen eingehen
  • aber auch das blutige Kapitel Zeitgeschichte beleuchten, das Pfarrer Eichmeyer mit dem kurzen Satz dokumentiert:

„Zu Pfingsten 1528 werden vor der Dörflkirche acht Täufer hingerichtet.“

 

Leonhard Schiemer: 1) Auf der Suche nach einem authentischen Glauben

Hier die Stationen seines Lebens:

Vöcklabruck: Leonhard Schiemer wurde hier im Jahr 1500 (oder 1501?) als Sohn eines gottesfürchtigen Schneiderehepaares geboren, die wollten, dass er Priester wird. Wir haben schon gesehen, wie es um die Priester jener Zeit bestellt war. Daher verwundert es nicht, dass der junge Schiemer „im Leben und in der Lehre der Priester wenig Gottesfurcht gefunden“ hat. Weil im Gegensatz dazu die Franziskaner („Barfüßer“) für ihre Frömmigkeit bekannt waren, trat er diesem Orden bei.

Judenburg: Allerdings fand er dort im Kloster auch „nichts als Streit und Heuchelei“. Der Austritt aus einem Kloster war damals nicht so leicht, er musste regelrecht fliehen. Was er nach 6 Jahren auch tat:

Nürnberg war die nächste Station, wo er wie sein Vater das Schneiderhandwerk lernte. In Nürnberg konnte er sowohl die lutherische Lehre hören, als auch die Lehre der Täufer.

Wir haben es oben schon gelesen: Schiemer hat zuerst die Priester und dann die Mönche verlassen, weil er zu wenig Gottesfurcht, zu wenig ernsthafte Nachfolge gefunden hat.

Wie sah es damit bei den Lutheranern aus?

Die Reformatoren haben richtig gelehrt und richtig gelebt. Aber manche ihrer Anhänger haben die „Freiheit des Evangeliums“ falsch verstanden. Luther beklagt deshalb auch, dass manche jetzt mehr sündigen als vorher unter dem Papst. Über die Evangelischen wurde deshalb etwas ironisch gesagt, dass sie nach dem Grundsatz leben: „Glaube fest und sündige wacker.“ Hier zeigte sich wieder das Problem der „Landes-Kirche“: Sünde konnte zwar angesprochen werden. Aber weil alle zur Kirche gehörten, hatte Sünde keine Konsequenzen.

Dies war wohl der Grund, dass sich Schiemer mehr zur dritten Ausprägung der Reformation hingezogen fühlte, denen genau das wichtig war: authentisch leben. Nicht nur in der Theorie recht glauben, sondern der Glaube sollte in einem Leben der Nachfolge sichtbar werden.

Nikolsburg in Mähren: Ab 1526 hat Dr. Balthasar Hubmaier hier eine Zufluchtsstätte für Verfolgte geschaffen. Als ehemaliger Priester, später enger Freund Zwinglis, der sich aber in der Frage der Taufe mit ihm entzweite, hatte er u.a. durch Schriften großen Einfluss auf die Täuferbewegung, soll mehr als 2000 Personen getauft haben und war Leiter einer großen Gemeinde. Dahin reiste Schiemer. Und wurde im Mai 1527 Zeuge einer grundsätzlichen Diskussion über die Frage, ob Christen „das Schwert führen“ dürfen, das heißt auch Steuern für Kriegszwecke bezahlen und Wehrdienst leisten sollen. Die dagegen waren, wurden  Stäbler genannt (nach dem „Hirtenstab“), die anderen Schwertler. Während die Stäbler unter der Führung von Hans Hut (siehe „Ausbreitung der Täufer in Oberösterreich) sich zum völligen Gewaltverzicht bekannten, erklärten Hubmeier und die Schwertler, dass es einem Christen durchaus gestattet sei, sich und andere durch das Schwert zu verteidigen, insbesondere in Anbetracht der drohenden Türkengefahr. Die Diskussion hatte kein konkretes Ergebnis, aber ein Jahr später kam es über diese Frage zur Abspaltung der Stäbler, die Nikolsburg verließen.

Welche Position Schiemer hier einnahm, ist unbekannt. Einige Biographen vermuten, er habe wohl zunächst Hubmeiers Ansichten geteilt (Schwert in bestimmten Situationen erlaubt), da ihn Hans Hut später in Wien nur sehr misstrauisch aufnahm.

Wien: Schiemer reiste von Nikolsburg aus nach Wien, um von Hut mehr über das „wahre Christentum“ zu lernen. Nach nur zwei Tagen war der ehemalige Priesteranwärter und spätere Franziskaner völlig von der Lehre der Täufer überzeugt. Er erklärt seinem Lehrmeister, sein künftiges Leben solle dem Wort Gottes gehören. Er wolle es nicht nur unermüdlich hören, sondern auch ein solches Leben führen, wie es dem Wort entspricht. Daraufhin empfängt er die Taufe (Frühjahr 1527).

Steyr: Sein weiterer Weg führt ihn nach Steyr, der damaligen Hochburg der Täufer in Oberösterreich, wo er als Schneider arbeitet und die dortige Gemeinde im Wort Gottes unterweist. Er „tauft soviel Volks, daß er es nicht aufzählen kann“. Als "Lernmaister" oder Apostel wird er von Hans Hut zusammen mit drei anderen ausgewählt und auf Reisen geschickt:

Hut bekennt 26. November 1527 in Augsburg, er habe das Los dermaßen gemacht, wie Hieronymus Hermann (ein Mönch aus Mansee) angezeigt, d. h. er habe zu Steyr 4 Personen auslosen lassen, um sie auszusenden zur Verbreitung des Wiedertaufs. Der eine von ihnen sei Hieronymus Hermann selbst gewesen ; der zweite Leonhard von Pruckh (Lienhart Schiemer von Vöcklabruck) ; der dritte, ein deutscher Herr aus Nürnberg, soll ein deutscher Ordenspriester gewesen sein. Das vierte Los fiel auf Jakob Portner (Jäkel. S.29)

Reiseprediger: Der Erfolg ist unglaublich. Wohin er kommt, überall bringt seine Verkündigung Frucht. Mehrere Klöster versuchten, ihn wieder als Mönch zu gewinnen, aber er lehnte ab. In Wels schließen sich auch Priester und der Gelehrte Christoph Eleutherobius, der später Syndicus der Wiener Universitätsgemeinden ist, der "Gemain" an.

Vöcklabruck? Ob Schiemer auch in seine Heimatstadt ge­kommen ist und sich der Vöcklabrucker Täufergemeinde angenommen hat, wissen wir nicht genau. Aber: hören wir, wie beschrieben wird, was Leonhard Schiemer gelehrt hat:

„Schiemer war überzeugt davon, dass Gottes Wort zu Gottesliebe und zu Nachfolge von Christus treibe. Das Halten von äußeren Gesetzen und Verhaltensregeln mache Menschen lediglich zu guten Bürgern, aber nicht zu hingebungsvollen und opferbereiten Nachfolgern. Dazu gehört für Schiemer der Verzicht auf privates Eigentum. Die Zeit in Mähren hat ihn davon überzeugt, dass die Gütergemeinschaft ein Zeichen echten Christseins sei. Ebenso ist er davon überzeugt, dass ein Nachfolger von Christus mit Leiden zu rechnen habe wie Christus selbst.“ 

Und wenn wir uns erinnern, dass die Gemeinde in Vöcklabruck sowohl die Gütergemeinschaft praktiziert hat, als auch bereit war, für den Glauben den Tod auf sich zu nehmen, dann sind da deutliche Parallelen zu Schiemer zu sehen:

„Zu Pfingsten 1528 werden vor der Dörflkirche acht Täufer hingerichtet.“

Christliche Märtyrer in Oberösterreich

Warum mussten diese Leute sterben?

Wir erinnern uns wieder an das sog. „Ketzermandat von Ofen“ von 1527:

  • „Verächter der Heiligen, Läugner ihrer Fürbitten, Verdienste und Wunder, solle Gefängnißstrafe, oder Landesverweisung treffen.“
  •  „Wer aber das heil. Abendmahl mit Brod und Wein feiere, den solle man an Leib und Leben strafen, die Häuser, in welchen eine solche Feier Statt gefunden habe, confisciren oder auch niederreißen.“
  • »die ergerliche, abscheuliche, und gotteslästerliche sect der widertauffer mit feur und schwerdt verfolgt und nach müglichkeit ausgerottet werden solle«.

Zumindest von den ersten beiden Punkten waren Lutheraner, Reformierte und die Täufer gleichermaßen betroffen. Da es aber in jener Zeit wegen dem Adel nicht auf Lutheraner angewandt wurde, traf es die Täufer umso härter. Hier Berichte der Auswirkungen:

Dr. Satzinger schreibt:

„Eine regelrechte Exekutionstruppe unter Führung des Hauptmanns Dietrich von Hartitsch zog zur Ausrottung der Ketzerei durchs Land. In den meisten Städten des Landes kam es zu Täuferprozessen mit Hinrichtungen.“

Der Bericht in der Täuferliteratur darüber:

„In der ersten Fastenwoche 1528 schickte König Ferdinand den Profosen (Dietrich von Hartitsch) in Oesterreich, der hat große Empörung, Trüebsal und Verfolgung angerichtet." Wo jemand im Feld oder auf der Straße ergriffen wurde, ließ er ihn enthaupten, welche aber in den Dörfern vom Glauben nicht abstehen wollten, an die Thorsäulen hängen. Da zog viel Volk aus Oesterreich gen Nikolsburg, andere verließen mit Weib und Kind ihre Häuser und flohen in die Berge. Der Profos kam auch in die Nähe der mährischen Grenze. Da ließ ihm der Lichtensteiner (Erkl.: Adelsgeschlecht in Mähren) sagen: „das er über die gränitz (Übersetzung: Grenze) ja nit greife, oder sie wollten ihm etliche Kugeln schenkhen". Da ist der Profos abgezogen. (Beck. 1. C, S. 57.)

Vermutlich in Zusammenhang mit der genannten Exekutionstruppe kam es zur Hinrichtung von 8 Personen bei der Dörflbrücke in Vöcklabruck.

Joseph Jäkel nennt in seinem 1889 erschienen Buch „Zur Geschichte der Wiedertäufer in Oberösterreich“ zwei Namen der Exekutierten: „Hans Tischler, ein Diener des Wortes Gottes, und Lienhart Laistschneider von Salzburg.“

Obwohl der Adel die Täufer nicht schützte, scheint der Freiherr von Pohlheim nicht glücklich darüber gewesen zu sein: er empfindet das als Eingriff in seine Gerichtsbarkeit und verlangt dafür eine „Vergütung“ i.H.v. 1000 Rheinischen Gulden (der heutige Geldwert ist schwer zu ermitteln. Um 1700 soll 1 Gulden ca. 40 Euro entsprochen haben. Der Freiherr hat die Stadt also auf 40.000,- Euro verklagt). Die Landeshauptmannschaft forderte die Stadt zur Stellungnahme auf. Das Ergebnis wird nicht überliefert….

Dörflbrücke in Vöcklabruck

Link: www.klaus-buerger.com

Manche haben widerrufen. Obwohl das manchmal nur Auswirkungen auf die Art des Todes hatte: Ein Generalmandat aus dem Jahre 1528 bestimmte:

"Wiedergetaufte Personen, die ihren Irrtum widerrufen und das hochwürdige Sakrament empfangen, werden aus Gnade mit dem Schwert hingerichtet; die aber auf ihrem Vornehmen be­harren, müssen mit dem Brand vom Leben zum Tode gebracht werden." (Pfarrer Eichmeyer, S.31)

Üblicherweise wurden Männer verbrannt und Frauen ertränkt. Meist, nachdem sie vorher gefoltert wurden, um die Namen von anderen Täufern zu erfahren.

Aber manche wollten nicht nur nicht widerrufen, sondern haben sich sogar gefreut, Bekenner sein zu können. Diese Quelle berichtet davon, dass dies sogar bei jungen Mädchen so gewesen sei:

„Es erinnert diese Freudigkeit bis in den Tod bei Ambros Spitelmair an die viel zarteren Bekenner, die sich damals (anno 1528 und 1529) in Österreich zum Tode herandrängten und die kalten Männer der Justiz geradezu verblüfften, nämlich „an die jungen Maidlein in Österreich, die herzulaufen und des Todes begehren", wie uns der protestantische Rechtsgelehrte, Dr. Hepstein, der zu jener Zeit in Nürnberg lebte, erzählt.“ (Jörg, 1. c, S. 710.; Zitiert in Jäkel, S.58)

 

Link: de.wikipedia.org/

Mir liegt eine Auflistung vor, in welcher Stadt und Marktgemeinde in Oberösterreich wie viele Personen um ihres Glaubens willen hingerichtet wurden: neben Vöcklabruck (8 Personen) zum Beispiel in Steyr (30) Linz (72), Wels (10), Lambach (22), Gmunden (2) usw.  (Beck, S. 279 f, zitiert nach Jäkel)

 

Leonhard Schiemer: 2) Sein Einfluss auf die Täuferbewegung

Wieder zurück zu Leonhard Schiemer: wir hatten gesehen, dass er im Frühjahr 1527 getauft wurde und danach zuerst in Steyr tätig war, dann als Missionar ausgesandt wurde in die Umgebung.

Hier die wenigen weiteren Stationen seines Lebens:

Augsburg: Im August 1527 rief Hans Hut ca. 60 Abgeordnete verschiedener Täufergruppen zu einer Synode nach Augsburg, um sich in Lehrfragen zu einigen. Auch Leonhard Schiemer gehörte zu den Abgesandten (32 weitere sind namentlich bekannt). Allein auf dieser Reise nach Augsburg tauft der junge Vöcklabrucker über 120 Personen (Pfarrer Eichmayer, S.31).

Am Ende der Synode stand die Übereinkunft, von Augsburg aus Missionare auszusenden, um in der Erwartung der nahen Wiederkunft Jesu „möglichst viele der Auserwählten“ zu sammeln. Die täuferischen Sendboten wurden einzeln und zu zweit in 8 genau umrissene Gebiete gesandt. Und wieder ist Leonhard Schiemer dabei, allerdings als Missionar für Bayern. Hier auch noch die Namen der Missionare, die nach Österreich geschickt wurden. Vier der 8 Gebiete sind für uns interessant:

  • Leonhard Spörler und Leonhard Schiemer nach Bayern
  • Leonhard Dorfbrunner nach Linz
  • Hans Mittermaier nach Österreich und
  • Eukarius Binder und Joachim Mertz ins Salzburger Land

Diesem Missionsplan blieb der „Erfolg“ versagt, weil die allermeisten Sendboten innerhalb weniger Monate den Märtyrertod starben. Deshalb ist diese Zusammenkunft unter dem Namen Augsburger Märtyrersynode in die Geschichte eingegangen.

München, Hall, Schwaz: Das Einsatzgebiet von Schiemer war also zunächst München. Pfarrer Eichmayer berichtet:

„Leute aus München suchen ihn auf und begehren die Taufe. Sie berichten ihm, daß in Tirol das Feld weiß zur Ernte sei. Er zieht nach Hall, dann nach Schwaz, wo schon viele auf ihn warten. Er wird aber von einem Prediger angezeigt und schon in der ersten Nacht gefangen genommen.“

Das war am 25. November 1527.

Rattenburg: Ziel war offenbar die Gemeinde in Rattenburg. Er schreibt, dass er dort nur einen Tag war, dennoch hat er auf die Gemeinde einen enormen Einfluss und nennt sich „ihr unwürdiger Bischof“. Seine Haftzeit verbrachte er dort.

Wieder Eichmayer: „Im Verhör wird ihm vorgeworfen, er habe im Geiste Thomas Müntzers den Aufruhr ins Land tragen wollen, die Leute angehalten, alle Dinge gemeinsam zu haben und die bestehende Ordnung zu stürzen versucht. Seine Antwort: "Ich habe den Menschen den Glauben gepredigt, sie angehalten zu einem Leben nach dem Wort Gottes, zur Leidensbereitschaft, zur Liebe und Treue zu den Brüdern. Gottes Wort weiß nichts von Aufruhr und Empörung. Davon wollen auch wir nichts wissen."

Der Bezirksrichter Bartholomeus Angst war sehr nachsichtig mit seinem Gefangenen, so dass Brüder aus- und eingehen konnten und ihn mit Tinte und Papier versorgten. 

Den kurzen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis (7 Wochen, bis Januar 1528) nutzte Schiemer für die Abfassung und Herausgabe sogenannter Sendschreiben. Namentlich bekannt sind folgende Schriften (s. wikipedia Schiemer):

  • Eine hübsche Erklärung der 12 Artikel des christlichen Glaubens
  • Was die Gnad sey. Eine Vorred (von der dreyerlei Gnad)
  • Vom Fläschl ("Denn gleichwie eine Flasche oben eng ist und unten weit, also ist auch der Weg zur Seligkeit eng und schmal ... Aber der Herr tröstet im höchsten Elend. Dieser Trost ist nichts anderes, als eine Vorkost des ewigen Lebens.")
  • Von der Tauff im Neuen Testament, anderer Titel: Von dreyerlei Tauff
  • Trostbrief an einen schwachen Bruder
  • Ein wahrhaft kurz Evangelium, heut der Welt zu predigen
  • Ein Bekanntnus vor dem Rickter zu Rotenburg  (= Rattenburg; Januar 1528).
  • Ordnung der Gemein, wie ein Christ leben soll

Außerdem sind fünf anonyme Traktate vorhanden, bei der die Autorenschaft Schiemers wahrscheinlich ist. Unter den Traktaten findet sich auch ein kurzer Katechismus.

Von Schiemer gedichtete Lieder

  • Dein heilig statt hond sie zerstört (ist eigentlich eine Strophe von „Wir bitten dich“)
  • Sollstu bei Gott dein wohnung han
  • Wie köstlich ist der Heil'gen Tod

Und folgendes Lied, von dem weiter hinten 4 Strophen abgedruckt sind:

  • Wir bitten dich, ewiger Gott, neig zu uns deine Ohren

Diese 7 Wochen gehören zu den fruchtbarsten in der langen und bitteren Geschichte des süddeutschen und österreichischen Täufertums. Seine Schriften wurden bald in einer Broschüre oder einem Heft vermutlich für die örtliche Gemeinde gesammelt, aber sie fanden weite Verbreitung in Mähren, Deutschland und der Schweiz.

Schiemer hat sich auf das „sola sciptura“, allein die Schrift, berufen und verlangt:

„dass, wenn man seine Lehre und seinen Glauben für falsch und für Ketzerei halten wollte, so sollte man gelehrte Leute, Doctores, Mönche und Pfaffen vor ihn kommen lassen, um mit ihm zu disputieren. Wenn nun in dem Wortstreite mit wahrem Grunde aus Heiliger Schrift befunden würde, dass er unrecht hätte, so möchte man ihn deshalb als einen Ungerechten strafen.“

Er war sich seiner Sache so sicher, dass er noch weiterging:

Eichmeyer: „Jedesmal wenn ihn ein Gelehrter mit der Wahrheit der Schrift überwindet, so soll man ihm durch den Henker ein Glied seines Leibes abreißen lassen und wenn er kein Glied mehr habe, eine Rippe nach der anderen aus dem Leibe ziehen, bis er gar sterbe. Wo man ihn aber ungehört töten oder richten lasse, so bitte er alle Umstehenden, daß sie das am Jüngsten Gericht vor Gott bezeugen wollen.“

Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde die Haft verschärft, und die Regierung in Innsbruck forderte dazu auf, den Fall abzuschließen.

So wurde er gemäß dem Mandat von König Ferdinand zum Tod durch Verbrennen verurteilt. Das Urteil wurde aber insofern gemildert, dass er am 14. Januar 1528 zuerst enthauptet und danach erst verbrannt wurde. Außer ihm fanden übrigens in Rattenburg weitere 70 Personen den Tod…

Also: Im Mai 1527 bei der Diskussion in Mähren noch nicht vom Evangelium überzeugt, kurze Zeit danach dann seine Taufe, 6 Monate später, im November, Verhaftung, sieben Wochen danach im Jänner dann Hinrichtung.

Die Hinrichtung von Leonhard Schiemer kommentiert Pfarrer Eichmeyer wie folgt (S.32):

„Sein schwerstes und todeswürdiges Verbrechen also: Daß er mit zwei ange­feuchteten Fingern die Segnung der Bekehrten vorgenommen hat.

Lienhard Schiemer ist meines Wissens der einzige Märtyrer, den Vöcklabruck hervorgebracht hat. Sein kurzes Leben — er starb im 27. Lebensjahr — war eine einzige Flamme, die sich zur Ehre Gottes, in der Sehnsucht nach der wahren Kirche und nach dem kommenden Gottesreich verzehrte. Wir neigen uns in Ehrfurcht vor diesem jungen Märtyrer. Sein Name soll in unserer Stadt und unserer Gemeinde unvergessen bleiben.“

 

Leonhard Schiemer: 3) ein Liedtext

Die kurze Biographie über Leonhard Schiemer möchte ich mit einem seiner Lieder abschließen.

Im 13-bändigen Martyrerspiegel aus dem Jahr 1660 steht dazu:

„Dieser Leonhard Schiemer hat unter andern die nachfolgende Ermahnung an alle diejenigen, welche um des Namens Christi willen im Leiden sind, zum Troste hinterlassen.“

Und dann kommt in Prosa ein Text, der als Lied unter dem Titel „Wir bitten dich, o ewiger Gott“ in Reimform veröffentlicht ist.

Von den insgesamt 11 Strophen dieses Liedes möchte ich 4 wiedergeben.Der Liedtext der Strophen zwei und drei (in schwarz) ist Original, der braune Text (Strophen eins und vier) stammt aus einer späteren Überarbeitung unbekannter Herkunft. In Klammern darunter der Prosatext aus dem „Märtyrerspiegel.

Wir bitten dich, o ewiger Gott

Wir bitten dich, ewiger Gott,
neig zu uns deine Ohren,
heiliger Herr Zebaoth,
du Vierfürst der Heerscharen,
vernimm die Klag:
Ungemach und Plag
hat überhand genommen.
Der Behemoth
mit seiner Rott
ist in dein Erbteil kommen.

(Wir bitten dich, o ewiger Gott, neige deine gnädigen Ohren zu uns, Herr Zebaoth. Du Herr der Heerscharen, höre doch unsere Klagen, denn großes Ungemach und Plage hat die Oberhand genommen und der Hochmut ist in dein Erbe gekommen;)

Wir sind zerstewt gleich wie die schaf,
die keinen Hirten haben,
verlassen unser hauß und hooff
und sind gleich dem Nachtraben,
der sich auch offt
hewlt in steinklufft.
In Felsen und in klufften
ist unser gmach,
man stellt uns nach,
wie Vöglein in der lufften.

(Wir sind zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben; wir müssen Haus und Hof verlassen und gleichen den Nachtvögeln die sich in den Steinfelsen aufhalten. In Höhlen und Steinklippen sind unsere Kammern. Man stellt uns nach, gleich den Vögeln, die in der Luft fliegen.)

Man hat sie an die bäum gehenkt,
erwürget und zzerhawen,
heimlich und öffentlich ertrenckt
vil Weiber und jungfrawen.
Die haben frey
ohn alle schew
der warheit zeugnuß geben,
daß Jesus Christ
die wahrheit ist,
der weg und auch das leben.

(Man hat die Gläubigen hier an die Bäume aufgehängt, erwürget, in Stücke zerhauen, heimlich und öffentlich ertränkt; nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Jungfrauen haben hier gleichfalls die Wahrheit bezeugt, dass Jesus Christus die Wahrheit und der einzige Weg zum ewigen Leben sei.)

Wie köstlich ist der Heilgen Tod
vor deinem Angesichte!
Drum haben wir in aller Not
ein tröstlich Zuversichte
zu dir allein;
sonst nirgend kein
Trost, Fried noch Ruh auf Erden.
Wer hofft auf dich,
wird ewiglich
nimmer zu Schanden werden.

(Wie köstlich ist das Blut deiner Heiligen vor deinen Augen. Darum haben wir zu dir allein in allen unsern Nöten eine tröstliche Zuversicht und keinen Trost, keine Ruhe, oder keinen Frieden bei sonst jemanden auf dieser Erde. Wer aber auf dich hofft, der wird in Ewigkeit nicht zu Schanden werden.)

 

Alltag der Freikirchler: das Gemeindeleben damals

Wie muss man sich das Gemeindeleben der ersten Vöcklabrucker Freikirche vorstellen? Jäkel (S.10ff) zählt folgendes auf, was natürlich nicht speziell auf Vöcklabruck bezogen ist, aber wohl so ähnlich in allen österreichischen Täufergemeinden jener Zeit ähnlich praktiziert und gesehen wurde:

Erkennungszeichen der Freikirchler: der spezielle Gruß

  • An dem Gruß: „Der Friede sei mit Dir," erkannte man sich.
  • Zusätzliches Geheimzeichen, das bei einem Verhör verraten wurde (Jäkel, S.14):

„Wenn nämlich ein fremder Bruder kam, so grüßte er „im Herrn"; und man dankte ihm „im Herrn", und fragte weiter: Kommst Du vor oder nach dem Herrn? War er nun ein echter Bruder, so antwortete er weder, dass er vor, noch, dass er nach, sondern dass er „mit dem Herrn" oder „in Christo" komme.

Ämter bzw. Dienste in der Gemeinde

  • An der Spitze stand ein Hirt, Vorsteher oder Bischof.
  • Von ihm wurden, wie einst von Christo die Apostel, Missionäre zur Verbreitung ihres Glaubens ausgesendet, welche Propheten genannt wurden.
  • Andere besorgten daheim die Seelsorge und den Predigtdienst (Diener des "Wortes oder evangelische Diener“), andere das Weltliche (Diener der Nothdurft).
  • Das Gemeindevermögen verwaltet der Vorsteher oder Bischof mit 12 Beigeordneten oder Ältesten,
  • Alle Beamten wurden von der Gemeinde gewählt, und jede Wahl war widerrufbar.
  • Vor allem wurde das Handwerk hochgehalten, und die meisten Diener des Wortes waren, wenigstens in der späteren Zeit, einfache Handwerker, die sich nur durch fleißiges Lesen eine gewisse Kenntnis der Bibel erworben hatten.

Kirchenzucht

  • „Streng wurde die Kirchenzucht von der Ermahnung bis zum Banne geübt. Die weltliche Obrigkeit ist ihnen wohl eine Ordnung Gottes, deren Geboten zu gehorchen ist, aber nur soweit sie nicht wider Gott sind. Denn in diesem Falle muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Gütergemeinschaft

Wie schon gesagt: Dieser Gedanke der Gütergemeinschaft wurde in der Zeit in Mähren stark betont. Die Hutterischen Gemeinden praktizieren das bis heute. Und die österreichischen Gemeinden waren sehr stark geprägt von den Hutterern: Jäkel S.56

„Die andern (…) unierten (vereinigten) sich mit den Huterischen, so dass es in Oesterreich bald keine anderen Taufgesinnten mehr gab als Huterische und einige unbedeutende Reste von Schweizer Brüdern.“

Und so sah das dann aus: (Jäkel, S.10ff)

  • Die Idee der Gütergemeinschaft tauchte ziemlich früh auf, anfangs mehr im altchristlichen Sinne als Aufforderung zu Almosen. Später wurde sie in den mährischen Gemeinden absolutes Gebot. Diese Gemeinden besaßen Maierhöfe, Mühlen, Gärten, Brauereien, Ziegeleien, mit einem Worte: alles, was überhaupt Eigenthum der Wiedertäufer war, das Individuum nichts. Verwaltet wurden die Höfe von den Dienern der Nothdurft, und zwar so, dass einer über alle Maierhöfe, ein anderer über alle Mühlen usw. gesetzt war.
  • Die Genossen eines Gewerbes wohnten in einer „Haushabe“zusammen, die oft so groß war, dass 300, 400 bis 500 Köpfe eine Wirtschaft ausmachten. Zuweilen wohnten aber zwei oder mehrere Gewerbe in einer Haushabe zusammen. Neben solchen Wohnräumen gab es gemeinschaftliche Wirtshäuser, Gewerbehäuser und derartiges.
  • Kinder kamen in gemeinsame Erziehungshäuser und Schulen.

Gottesdienst und Sakrament

·         Ihre Versammlungen hielten sie entweder in Gebetstuben oder unter freiem Himmel. Kunstvolle Tempel, äußere Pracht, Musik, Bilder, Glocken und Thürme waren ihnen ein Greul; (Beck, XIV., Zitiert nach Jäkel)

·         „Sakramente“ in der alten Definition gab es nicht mehr. Sie werden als Zeichen definiert, die in der Bibel angeordnet sind. Nämlich folgende zwei: die Taufe, in der Tod und Auferstehung Christi und des Gläubigen versinnbildlicht wird. Und die Mahlfeier, die an Leib und Blut von Christus erinnert.

Taufe

Die Taufe wird an drei Voraussetzungen geknüpft (Schleitheimer Artikel):

  • Erstens sollen die Täuflinge über Buße und Änderung des Lebens belehrt worden sein und in Wahrheit glauben, dass ihre Sünden durch Christus weggenommen sind.
  • Zweitens müssen sie wollen, dass sie in der aufferstehung Jesu Christi wandeln und in der Taufe mit Jesus Christus begraben werden, um mit ihm aufzuerstehen.
  • Drittens sollen sie in solcher meynung die Taufe durch sich selps begehren und vom Täufer fordern. Die Säuglingstaufe als des Bapsts höchste und erste grewel wird verworfen.

Pfarrer Eichmeyer schrieb über die Vöcklabrucker Freikirche im 16. Jahrhundert (S.30):

Nur wer durch Christus überwunden und zu einer totalen Lebenshingabe, ja zum Märtyrertod bereit ist, darf die Taufe empfangen und der "Gemain" eingegliedert werden.

Form der Taufe: nicht wie heute in den Freikirchen üblich durch Untertauchen. Sondern zumindest von Leonhard Schiemer wird berichtet:

Pfarrer EichmeyerS.31: „Die Taufe sei so vor sich gegangen: Wenn einer die Unterweisung im Glauben empfangen habe und gelobt habe, nach den Geboten Gottes zu leben, so habe er zwei Finger in ein Wasser getaucht, sie den Leuten aufs Haupt gelegt und sie getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Abendmahl/Mahlfeier

Voraussetzung dafür war

  • die Bekenntnistaufe und
  • ein tadelloser Lebenswandel

Form: wie im Neuen Testament beschrieben „in beiderlei Gestalt“: Brot und Wein

Evangelistisches Wirken: Missionare

Aussendung: Vom Hirten/Gemeindeleiter wurden, wie einst von Christo die Apostel, Missionäre zur Verbreitung ihres Glaubens ausgesendet, welche Propheten genannt wurden.

Über ihr Auftreten: „In demüthiger Haltung, mit niedergeschlagenen Augen, in grober Kleidung, den Wanderstab in der Hand, traten sie ein, den Aposteln nicht unähnlich, am liebsten bei den Handwerkern und Bauern, und baten um ein Nachtlager im Stalle oder in der Scheune. Bald aber fingen sie auf ihre Weise zu beten an, lasen für den Augenblick passende Stellen aus der Bibel vor, wie etwa über die Liebe zum Nächsten, man solle niemandem schaden und sich mit jedermann vertragen. Alle sollten Brüder und Schwestern unter einander sein und die Güter der Erde in Gemeinschaft genießen. Es gebüre sich darum nicht, dass einer über dem anderen stehe und derartiges.“ Weiters: „Die Predigt der Missionäre handelte zuerst meist vom Verderben der Welt und ihrem Untergange. Der Tag des Herrn stehe bevor, alle Gottlosen sollen vertilgt werden, und das neue Reich werde seinen Anfang nehmen.“

Über ihre Wirkung: „Kein Wunder, dass sie Eindruck machten und bei dem gemeinen Manne bald mehr galten als die ständigen Pfarrer. Denn sie waren nicht bloß Redner, sondern auch Bekenner. Oft genug verfolgt und flüchtig, ihrer Nahrung, ja ihres Lebens nicht sicher, legten sie durch die That ein Zeugnis für ihre Worte ab und wirkten so nicht bloß erbaulich und herzgewinnend, sondern auch erschütternd und niederwerfend.“

 

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Und das lesen Sie im nächsten Button: 

Lehren der damaligen Freikirchen

  • Die Irrwege der ersten Zeit
  • Gemeinsame Positionen der Protestanten
  • Die weitergehenden Positionen der Freikirchen

Hier werden Sie unter anderem erfahren…:

  • … ob aus den Pflastersteinen in Münster wirklich Brotlaibe wurden
  • … wie die Freikirchler damals die Frage beantwortet haben, ob Christen „Dienst mit der Waffe“ leisten sollen