• Die Irrwege der ersten Zeit
  • Gemeinsame Positionen der Protestanten
  • Die weitergehenden Positionen der Freikirchen

Man darf nicht denken, dass es unter den protestantischen Gemeinden sofort eine einheitliche Lehre gab.

 

Die Irrwege der ersten Zeit

Und: es gab bei allen drei Ausprägungen der Reformation Lehren und Meinungen, die aus heutiger Sicht in eine falsche Richtung gegangen sind:

  • Beispiel Zwickauer Propheten: das war eine Gruppe, die von sich behauptete, spezielle Offenbarungen Gottes durch den Heiligen Geist bekommen zu haben. Diese Offenbarungen stellten sie über die Bibel. U.a. sagten sie folgendes: das bevorstehende Endgericht Gottes würde durch die Türken kommen, die katholischen Pfarrer sollten im Geiste des Elia getötet werden, und danach, nach dem Tod der Sünder, würde es eine Weltveränderung und einen einheitlichen Glauben geben.Luther bezweifelte ihre göttliche Legitimation und predigte gegen ihre Überzeugungen.
  • Beispiel Thomas Müntzer: Er war einer dieser Zwickauer Propheten: ein ehemaliger Priester, zunächst Anhänger Luthers. Sah die Bibel aber nicht als so notwendig an und trennte sich von Luther. Er wollte das Reich Gottes mit Gewalt aufrichten und führte die Bauern im Bauernkrieg an. Die entstehende Täuferbewegung in Zürich wollte ihn von Gewaltlosigkeit überzeugen, was aber nicht gelang. Er wurde 1525 hingerichtet.
  • Beispiel Hans Hut, der ja in Oberösterreich und auf Leonhard Schiemer großen Einfluss hatte:  bei ihm wird deutlich, dass die Meinungen sich erst langsam herausgebildet haben, und sich die Führer sehr wohl korrigieren ließen: zuerst von Müntzer und dessen Gewaltbereitschaft beeinflusst, hat er das später als falsch erkannt:

Er erzählt in einem Verhör (Jörges, S.41):

„Auf Einladung des Predigers Jörg Haug, den die Bauern daselbst erwählt, habe er zu Bibra über die Taufe gepredigt und auf offener Kanzel gesagt: „Gott werde sie (die Messpfaffen) und alle die, so der Wahrheit wider wären (die Obrigkeiten sind gemeint) strafen ; und (diese) würden alle schändlich umkommen; und es wäre jetzo die rechte Zeit, dass sie alle sollten erschlagen werden. Denn die Bauern hätten den Gewalt und das Schwert in der Hand." So hätte er nämlich den Münzer predigen gehört. Er hätte es damals auch selbst geglaubt, sei aber jetzt anderer Meinung. Den Brüdern zu Königsberg (in Sachsen) habe er z.B. gepredigt: sie sähen, da die Bauern auf gewesen wären, dass sie nicht recht gehabt. Denn sie hätten das Ihrige gesucht und nicht Gottes Ehr.“

Während Hut diesen Irrtum erkannt hat, blieb er bei anderen. Z.B. war Hut überzeugt, dass nach seiner Berechnung der „Tag des Herrn“ zum Gericht über die Welt dreieinhalb Jahre nach Ende des Bauernkrieges stattfinden werde. (Ende Bauernkrieg: 1526, Tag des Herrn also 1529). Er hat dieses Jahr allerdings nicht mehr erlebt, weil er 1527 in Haft verstorben ist.

Das scheint eine große Thematik der ersten Zeit gewesen zu sein: eine starke Erwartung, dass Jesus Christus bald wiederkommt und die Herrschaft übernimmt. Und damit zusammenhängend die Frage, ob die Gläubigen das selbst in die Hand nehmen sollten.

Das bekannteste und abschreckendste Beispiel:

Beispiel „Täuferreich in Münster“: der ganze Stadtrat bestand 1534 nur aus Täufern: sie vertrieben alle Nicht-Täufer, sagten die Wiederkunft Christi für Ostern dieses Jahres voraus, führten Gütergemeinschaft und wegen des Frauenüberschusses die Polygamie ein. Bei der Belagerung der Stadt durch die katholische Armee hatte ihr Führer, Jan van Leiden, die Vision, dass sie unverletzlich seien, und dass kein Hunger zu fürchten sei, weil die Pflastersteine auf dem Marktplatz zu Broten würden. Beides hat sich als falsch herausgestellt…

Nach eineinhalb Jahren wurde Münster am 24. Juni 1535 vom Fürstbischof eingenommen. Ein Blutbad beendete das Täuferreich. Rund 650 Verteidiger wurden getötet, die Frauen aus der Stadt vertrieben. In den folgenden Wochen wurden die noch lebenden Täufer beiderlei Geschlechts, mit Ausnahme von Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling, hingerichtet. Diese drei verbliebenen Oberhäupter der Täufer werden zunächst ein halbes Jahr lang im Stift herumgezeigt, und mit und ohne Folter zu ihren Vergehen befragt. Am 6. Januar 1536 wurden sie in Wolbeck zum Tode verurteilt und am 22. Januar zu Füßen der Lambertikirche, auf dem Prinzipalmarkt, zu Tode gefoltert: ihnen wurden mit glühenden Zangen die Zungen ausgerissen, ihre Körper zerfetzt, und nach vier Stunden erdolcht. Ihre Leichen wurden in eigentlich für den Gefangenentransport bestimmten eisernen Körben am Turm der Lambertikirche aufgehängt zur Schau gestellt, „daß sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten“. Die Täuferkörbe hängen noch heute an der Kirche.

Wir sehen: sowohl unter den Nicht-Täufern (Zwickauer Propheten, Thomas Müntzer) als auch unter den Täufern (Münster) gab es zunächst Fehlentwicklungen.

 

Gemeinsame Positionen der Protestanten

Ausgangspunkt aller drei Ausprägungen der Reformation war dieser zentrale Grundsatz

Sola Scriptura. Allein die Schrift.

Deshalb haben sowohl Luther in Worms als auch die Täuferführer wie z.B. Leonhard Schiemer immer wieder betont:

Wenn wir mit der Schrift wiederlegt werden können, sind wir bereit zu widerrufen. Wenn nicht, sehen wir uns an die Schrift gebunden.

Aus dem zentralen Grundsatz folgen diese Wahrheiten:

  • Jeder Mensch ist Sünder (Römerbrief, Kap.3, Vers 23)
  • Erlösung nicht selbst machbar, sondern aus Gottes Gnade möglich durch Jesus Christus (Römerbrief, Kap.3, Vers 24)
  • Haupt der Kirche nicht der Papst, sondern Christus (Epheserbrief, Kap.5, Vers 23)
  • Aus diesen Gründen wurden alle aus der Tradition entstandenen Punkte wie Messe, Firmung, letzte Ölung, Beichte, Ablass, Fasten, Fürbitte der Heiligen, Marienverehrung, Fegefeuer, Zölibat, Mönchstum u. ä. verworfen.

 

Die weitergehenden Positionen der Freikirchen

Während es in diesen Punkten Übereinstimmung unter den Protestanten gab, war es nicht so leicht, die Positionen der Täufer zu definieren: es handelte sich um viele unabhängige Gemeinden, deren Leiter unterschiedlich gut mit dem Wort Gottes vertraut waren und unterschiedliche Sichtweisen hatten.

Ein Führer der Bewegung, Michael Sattler, ergriff deshalb die Initiative.

Wikipedia schreibt (April 2014):

Um der jungen Täuferbewegung, die innerhalb kürzester Zeit an vielen Orten Süddeutschlands und in der Schweiz unabhängige Gemeinden gebildet hatte, eine theologische Richtung zu geben, lud Sattler zu einer Täuferkonferenz ein. Diese kam am 24. Februar 1527 in Schleitheim zusammen. Die anwesenden Abgesandten der Täufergemeinden beschlossen während dieses Treffens ein Glaubensbekenntnis, das erste in der Geschichte der Täuferbewegung. Es trug den Titel „Brüderliche vereynigung etzlicher Kinder Gottes siben Artickel betreffend.“

Ergebnis war also eine als „Schleitheimer Artikel“ bekannt gewordene Vereinbarung, die in 7 Artikeln den gemeinsamen Glauben der Täufer zusammenfasst.

Die Nachrede zeigt die theologische Verwirrung, die vorher geherrscht hat und die durch dieses Bekenntnis ausgeräumt werden sollte:

„Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Das sind die Artikel, die einige Brüder bisher falsch und dem wahren Sinn zuwider verstanden haben. Sie haben damit viele schwache Gewissen verwirrt, wodurch der Name Gottes sehr schwer gelästert worden ist. Darum ist es notwendig gewesen, dass wir im Herrn übereingekommen sind, wie es auch geschehen ist. Gott sei Lob und Preis. Weil Ihr nun den Willen Gottes reichlich verstanden habt, wie er jetzt durch uns offenbart ist, wird es notwendig sein, dass Ihr den erkannten Willen Gottes beharrlich und ohne Aufschub vollbringt.“

Lehren, die in diesen Artikeln geregelt wurden (Kurzfassung):

  1. Artikel über Taufe: nur an Menschen, die bekennen, dass Jesus ihre Sünden weggenommen hat
  2. Artikel über Umgang mit Sünde (Kirchenzucht): Ermahnung. Wenn keine Umkehr erfolgt: Ausschluss
  3. Artikel über Brotbrechen: Voraussetzung dafür war die Bekenntnistaufe und ein tadelloser Lebenswandel (Mahlfeier wurde übrigens „in beiderlei Gestalt“ gereicht: Brot und Wein)
  4. Artikel über Absonderung: gegenüber dem Papsttum, gegenüber weltlichen Belangen und Vergnügungen, u.a. auch Gewaltlosigkeit

Wörtlich ist hier aufgezählt:

„Aus dem allen sollen wir lernen, dass alles, was nicht mit unserem Gott und mit Christus vereinigt ist, nichts anderes ist als die Greuel, die wir meiden und fliehen sollen. Damit sind gemeint alle päpstlichen und widerpäpstlichen Werke und Gottesdienste, Versammlungen, Kirchenbesuche, Weinhäuser, Bündnisse und Verträge des Unglaubens und anderes dergleichen mehr, was die Welt für hoch hält und was doch stracks wider den Befehl Gottes durchgeführt wird, gemäss all der Ungerechtigkeit, die in der Welt ist. (…)  So werden dann auch zweifellos die unchristlichen, ja teuflischen Waffen der Gewalt von uns fallen, als da sind Schwert, Harnisch und dergleichen und jede Anwendung davon, sei es für Freunde oder gegen die Feinde - kraft des Wortes Christi: Ihr sollt dem Übel nicht widerstehen.“

5. Artikel über Leitung einer Gemeinde: durch Pastor oder Hirte (Pfarrerbild noch nicht völlig abgelegt)

6. Artikel über das Schwert:

    a) innerhalb der Gemeinde soll Kirchenzucht (s. Artikel 2, Ermahnen oder Ausschluss) praktiziert werden, aber keine              physische Gewalt.

    b) niemand soll sich in ein öffentliches Amt wählen lassen, wo er gezwungen ist, zum Schwert zu greifen.

7. Artikel über Eid ablegen bzw. Schwören: war ausnahmslos verboten

Dass insbesondere der Artikel 4, der Punkt „Gewaltlosigkeit“, weiter kontrovers diskutiert wurde, zeigt die schon genannte Auseinandersetzung in Nikolsburg zwischen Balthasar Hubmaier und Hans Hut (Schwertler, die Verteidigung richtig fanden, und Stäbler, die Gewalt in jedem Fall ablehnten). Hier in Österreich haben sich letztlich die Stäbler mit ihrem absoluten Pazifismus inklusive Verweigerung von Zahlung von Steuern zu Kriegszwecken und Ableistung von Wehrdienst durchgesetzt. Was ihnen allein schon deshalb Strafen des Staates eingebracht hat.

Bezeichnend ist das Fehlen des Punktes „Gütergemeinschaft“, der in der Beschreibung der Gemeinde in Vöcklabruck vorkommt:

Pfarrer Eichmeyer (S.30):

Sie sehen die Rettung der bedrohten Welt in der Rückkehr zum Urchristentum. Sie leben in christlicher Gütergemeinschaft, in sogenannten "Haushaben", wo gemeinsam produziert und konsumiert wird.

Das Fehlen dieses Punktes zeigt, dass dies wohl eine spezielle Betonung der von Hans Hut bzw. später von den Hutterern beeinflussten österreichischen Gemeinden war, die in anderen Ländern nicht zwingend praktiziert wurde.

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Und das lesen Sie im nächsten Button:

Ausbreitung von Österreich in die ganze Welt

  • Vertreibung nach Mähren
  • Vertreibung nach Osteuropa
  • Vertreibung nach Amerika
  • Hutterer heute
  • Die Mennoniten
  • Die Amischen

Hier werden Sie unter anderem erfahren…:

  • … was man unter „Habaner“ versteht
  • … wie die Täufer nach Siebenbürgen kamen
  • … warum etwa 45.000 Menschen in Amerika und Kanada heute noch einen alten tiroler-kärtnerischen Dialekt                 sprechen